Annette Dorgerloh, Kunstwissenschaftlerin, Berlin

Die organische Verwandlung und Belebung von starren Formen
steht im Zentrum der konzeptuellen Arbeiten der Künstlerin Nicola Rubinstein.
The organic transformation and vitalisation of rigid forms
is at the centre of the conceptual work of this artist.



 
NICOLA MÜLLER "Organoid"
 
Die Erfahrung des eigenen Körpers und der Funktion seiner Organe kann als ein Spannungsfeld zwischen innen und außen beschrieben werden. Das war der Ausgangspunkt der "organoiden" Keramikarbeiten von Nicola Rubinstein. Sie wurden in der Werkstatt von Wilfriede Maaß in Berlin geformt und gebrannt und im eigenen Atelier, wo sonst Druckgrafiken, Collagen und Rauminstallationen entstehen, weiter bearbeitet. Danach wurden sie in der Galerie von Wilfriede Maaß ausgestellt.

Die Keramiken der Künstlerin werden von einem Zyklus druckgrafischer Blätter flankiert. Sie verwendet für diesen Komplex lllustrationen aus alten Technikbüchern, die sich mit dem Umformen von Metallen befassen. Diese Bildzitate tauchen als dekorative Elemente auf Teeschalen und Tabletts auf und schließen sich an das übergreifende Thema der Form und Umformprozesse an.

Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen jedoch die größerformatigen keramischen Werkgruppen, die sie "Organoid" nennt. Es sind röhren- oder ringförmig, auch schneckenartig gerollte Keramikelemente, deren Innenseiten mit Silikon beschichtet wurden. Mit ihnen soll der Blick von außen nach innen geöffnet werden. Die Keramik bildet die rauhe Schale zu dem weichen Kern des Silikons mit "einem fein differenzierten Innenleben. Der Materialkontrast zwischen dem gebrannten weißen Ton und dem transparenten weißstrahlenden oder eingefärbten Silikon assoziiert organische Strukturen, primitive Lebewesen, vielleicht innere Organe", erläutert die Künstlerin.

Die eigentümliche Materialkombination bewirkt mit ihren Kontrasten von hart und weich, transparent und undurchsichtig nicht nur optische Reize, sondern sie ist auch auf haptische Qualitäten orientiert. Die grauen Silikonpartien erinnern an die Berührung von Fell oder Webpelz, während die durchsichtigen Silikonschichten mit ihrem Oszilieren zwischen kristalliner Härte und schleimiger Weichheit sehr gegensätzliche Assoziationen wecken. Man mag dabei sowohl an Edelsteindrusen, aber auch an Körperteile wie Gebärmutter als Geburtshöhle denken. Es liegt nahe, daß bei dieser Formfindung die Geburt des eigenen Kindes einige Monate zuvor als eine prägende Erfahrung miteingeflossen ist, wenngleich dieses Ereignis nicht ausdrücklich thematisiert wurde. Das geheimnisvolle Leuchten der durch indirektes Licht ausgestrahlten inneren Silikonschichten erinnert zudem an jene wissenschaftlichen Bilder aus dem Körperinneren, die in den letzten Jahren unsere Vorstellungen vom Menschen grundlegend erweitert haben.

Eine Variation dieses Thematik bildet eine Gruppe vasenartig gedrehter und innen rot glasierter Stücke mit einem Innenleben aus transparenter Folie oder Zellophan. Sie wirken im Unterschied zu den Spiralen innen wie außen härter und kompakter, obwohl ihre Zylinderform auf- und ausgeschnitten ist.

Eine weitere Werkgruppe kehrt das Verhältnis von innen und außen um. Diese Röhrengebilde tragen eine graugefärbte Silikonbeschichtung als umhüllenden Mantel. Erinnerungen an nasse Flokatiteppiche und die Griffigkeit von Siebziger-Jahre-Plüsch nach einem Regenguß lassen haptische Momente in den Vordergrund treten. Diese Eigenschaften sind jedoch auch hier von der physischen Beschaffenheit des Körpers aus gedacht. Das anorganische Silikon soll letztlich organisches Material simulieren. Seine Besonderheit besteht auch darin, daß es im trockenen Zustand wie feucht wirkt. Auf diese Weise ist es geeignet für die lllusion von abstrahierten Innenansichten des Körpers - trotz und gerade wegen der gleichzeitigen nicht zu übersehenden Präsenz technisch prägnanter Formen.

Die Spannung zwischen Innen und Außen bildete bereits das Thema der DIPOL-lnstallationen "Zur schönen Einsicht" im Stadtpark von Bernau bei Berlin und "Zur schönen Aussicht" im Park Gartenstraße in Berlin-Weißensee. Beide Arbeiten wurden 1994 realisiert. Nicola Rubinstein arbeitete hierbei mit innen verspiegelten Mülltonnen, die sie vor der Bernauer Stadtmauer mit Plexiglas bedeckt in die Erde versenkte und in Weißensee, ohne Boden auf der Standseite verschweißt, auf ebensolche Ständer gestellt als riesiges Fernrohr in die Landschaft ragen ließ. Schaute man hinein, ergaben sich über den Ausschnitt Miniaturlandschaften, reduzierte sich der umgebende Raum zu abgegrenzten Gebilden. Die Begrenzung eines gewählten Landschaftsausschnittes, den die Fotografie wie die alte Tafelmalerei stets im Bild aufbereitete, wird hier als unmittelbares Seherlebnis im Naturraum angeboten. Darüber hinaus besitzt die Installation eine weitere Komponente, nämlich eine kommunikative. Anders als beim fest installierten Fernrohr läßt sich dieses Objekt von beiden Seiten aus kaleidoskopartig erleben, so daß hier neben der Landschaft auch Menschen ins Blickfeld gelangen können, einander aus sicherer Distanz betrachtende Betrachter.

Die "Schöne Einsicht" dagegen wirft den Schauenden auf sich selbst zurück. Wie der an sein Spiegelbild verlorene Narziß der antiken Mythologie vermag er sein Bild in der unerreichbaren Tiefe zwar zu sehen, aber doch nie zu erreichen. Und so wie die Nymphe Echo, die Narziß vergebens ihre Liebe antrug, bleibt dem Zurückblickenden nur ein ferner Nachklang und die lllusion einer silbern funkelnden Tiefe.

Vergleichbare Effekte ergaben sich auch in der Installation "Nichts ist innen, nichts ist außen" für das Ausstellungsprojekt "Muse küßt Muse" (1995) im Altenburger Lindenau Museum. Die Besucher traten hier in einen abgedunkelten Kubus, der allein vom Licht eines Diaprojektors erhellt wurde. Dieser war auf zwei reflektierende Edelstahltafeln an der Stirnseite gerichtet. In wechselnder Folge wurden unterschiedliche farbige Ornamente - zum Teil Stoffentwürfe aus Musterbüchern, zum Teil auch Mauerwerks-Strukturen - auf diese spiegelnden Flächen projiziert. Die hineintretenden Besucher konnten nun teilhaben an einem gestalterischen Prozeß, indem sie in diese wechselnden Bilder eintraten. Die Körperformen wirkten verändernd auf die mehr oder weniger strengen graphischen Systeme ein. Die Reihungen lösten sich dem Körperumriß entsprechend auf und rundeten sich "organisch". Diese interaktive Installation spielte sowohl mit der Schaulust als auch mit der Lust der Selbstdarstellung.

Alle drei Projekte der Künstlerin verhandeln die Spannung von Innen und Außen als Relation zwischen dem Körper mit seinen Teilen und technisch-anorganischen Formen, zwischen der Reduktion auf den Ausschnitt und üppigem Variieren. Die neben den statischen Sinneseindrücken eintretenden optisch sich verändernden, lebendigen Reize sind neue Erlebnisse in der Kunstbetrachtung. Es ist an dem Betrachter, über erlebte Einsichten neue Aussichten zu gewinnen.